Was leisten Mütterzentren?


Derzeit gibt es 60 Mütterzentren und Mütterzentrums-Initiativen in Hessen (Stand Sommer 2000). Bundesweit sind es etwa 400 Mütterzentren. Die hessische Landesregierung fördert Mütterzentren seit 1989. Die beteiligten Frauen erbringen stets erhebliche Eigenleistungen durch ehrenamtliche Arbeit, Spenden und Mitgliedsbeiträge. Da die Kommunen nur einen Anteil der tatsächlichen Kosten aufbringen müssen, müssen Mütterzentren im Vergleich zu anderen sozialen Einrichtungen vergleichsweise besonders günstig arbeiten.

Ausgezeichnet mit dem Gütesiegel „Best Practice“

Die Mütterzentren in Deutschland wurden 1998 von der UN mit dem Gütesiegel „Best Practice“ ausgezeichnet, weil sie „zur Verbesserung der Lebensqualität von Familien beitragen und das bürgerschaftliche Engagement ebenso fördern wie die Beteiligung von Frauen an der Kommunalpolitik“, heißt es in der Begründung. Die Zeitschrift „Eltern“ hat es bereits 1995 bei einer Untersuchung zur Kinderfreundlichkeit von Städten als einen Pluspunkt bewertet, wenn eine Stadt ein Mütterzentrum förderte.


Mütterzentren sind Frauenräume, die nach dem Prinzip der Selbsthilfe organisiert sind:


  • Sie bieten Kontakt-, Kommunikations-, Beratungs- und Bildungsmöglichkeiten für eine Gruppe von Menschen, die sonst von der Öffentlichkeit ausgeschlossen sind: Frauen mit kleinen Kindern. Sie sind gleichzeitig Anlaufstelle für Frauen mit älteren Kindern bzw. für Frauen ohne Kinder. Väter sind ebenfalls nicht ausgeschlossen.
  • Kinder müssen nicht "wegorganisiert" werden; sie werden betreut und sind doch immer dabei.
  • Die Öffnungszeit richtet sich nach dem Rhythmus des Zusammenlebens mit Kindern; möglichst durchgängige Öffnungszeiten und keine Anmeldungspflichten.
  • "Der Raum" wird von den Besucherinnen gestaltet; sie geben die Ordnung vor. Dabei können sie vorhandene Fähigkeiten wahrnehmen, neue ausbilden und die eigene Stärke erleben.

Mütterzentren leisten Nachbarschaftshilfe und bilden Soziale Netzwerke:


  • Sie bieten frauen- und familienentlastende Maßnahmen wie z.B. Frühstück und Mittagstisch, Wäsche- und Fahrdienst.
  • Sie leisten unbürokratische Hilfe in Notfällen, z.B. Kinderbetreuung und Haushaltshilfe bei Krankheiten oder Krankenhausaufenthalten von Müttern.
  • Sie bieten unterstützende Hilfe bei der Organisation des Alltages, z.B. durch Babysitter- und Tagesmüttervermitllung.
  • Sie entlasten das Familienbudget, z.B. durch Secondhand-Läden.
  • Sie integrieren neu zugezogene Frauen und Ausländerinnen, die in einem noch stärkeren Maße isoliert sind.
  • Sie beziehen mit generationsübergreifenden Angeboten auch ältere Menschen wieder in ein soziales Netz ein.
  • Der Treffpunktcharakter ermöglicht ein Miteinander im Stadtteil, in der Gemeinde von Menschen, auch ganz unterschiedlicher sozialer Herkunft.

Mütterzentren erproben und praktizieren neue und familiengerechte Formen der Kinderbetreuung:


  • Eine flexible und offene Kinderbetreuung in altersgemischten Gruppen unter der Anleitung von Müttern während der Öffnungszeiten;
  • Still- und Krabbelgruppen;
  • Minikindergärten - Betreuung von Kleinstkindern vor dem Eintritt in den Kindergarten;
  • Kinderstuben - damit auch die Mütter einige Stunden "frei" haben;
  • Mittagstisch für Schulkinder und Hausaufgabenbetreuung; Ferienangebote für Schulkinder.

Mütterzentren bieten Weiterbildung, erleichtern den beruflichen Wiedereinstieg und sind beispielhaft bei der Schaffung mütterfreundlicher Arbeitsplätze:


  • Sie bieten Weiterbildungs- und Qualifizierungsmöglichkeiten von Müttern für Mütter mit Kinderbetreuung und entlastenden Begleitmaßnahmen (Mittagstisch) - vom EDV- bis zum Nähkurs.
  • Die aktive Mitarbeit im Mütterzentrum fördert das Selbstbewußtsein und führt ebenso zu einem Zuwachs an sozialer und fachlicher Kompetenz - z.B. Finanzabwicklung und "Menschenführung". Das Zutrauen und das neu gewonnene Wissen erleichtern den beruflichen Wiedereinstieg und ermutigen die Frauen, sich auf neue bzw. höher qualifizierte Arbeitsplätze zu bewerben.
  • Kinderbetreuungsmöglichkeiten und entlastende Maßnahmen (Mittagstisch, Wäsche- und Fahrdienst) tragen dazu bei, daß Frauen mit einem Arbeitsplatz im Mütterzentrum (ABM- und BSHG-Stellen) Beruf und Familie tatsächlich vereinbaren können.
  • Die im Zentrum angebotenen Dienstleistungen, z.B. Tischlerei, Friseur, Wäschedienst und Secondhand, ermöglichen einen Einstieg in die Selbständigkeit.

Mütterzentren geben Beratung und Information:


  • Mütter sind die Expertinnen für Erziehungsfragen, Partnerschaftsfragen, Familiensituationen, Still- und Ernährungsberatung, Haushaltsorganisation und Haushaltsgeld, Schwangerschaft, Geburt und Nachsorge.
  • Die Beratung findet alltagsnah im Gespräch von Frau zu Frau oder in themenbezogenen Gruppen statt - ohne die Hemmschwellen des herkömmlichen Beratungssettings mit bürokratischem Aufwand, Terminplanung und langen Wartezeiten.
  • Bei weitergehenden Fragen wird Auskunft über professionelle Beratungsstellen gegeben und bei Wunsch ein Kontakt hergestellt. Die Ratsuchenden werden ermutigt und unterstützt, sich bei den zuständigen Stellen (z.B. Kinderschutzbund, Familienberatungsstellen, Schuldnerberatung, Sozial- und Arbeitsamt für ihr Anliegen einzusetzen und sich Hilfe zu holen.

Mütterzentren sind eine Interessenvertretung und begünstigen das soziale Klima in der Kommune:


  • Beim Reden am Kaffeetisch oder bei der gemeinsamen Arbeit schärft sich der Blick für die eigenen Probleme, Bedürfnisse und Belange. Das Bewußtsein und die Sensibilität für das gesellschaftliche Umfeld und die eigene Rolle darin werden diskutiert. Es wird Position bezogen gegen ungerechte, inhumane und familienfeindliche Maßnahmen. Die so entwickelten Standpunkte werden in unterschiedlichen Formen in die Öffentlichkeit getragen und es wird auf verschiedenen Ebenen an einer Umgestaltung mitgewirkt: Engagement anstelle von Politikverdrossenheit!
  • Das Miteinander von Jung und Alt, Inländerinnen und Ausländerinnen, von Frauen aus unterschiedlicher sozialer Herkunft und mit unterschiedlichem Bildungshintergrund fördert das Verstehen, führt zu Toleranz und Solidarität und verhindert Ausgrenzung - und genau an dieser Toleranz und Solidarität mangelt es in unserer Gesellschaft überall!
  • Verhinderung von Ausgrenzung und Isolation ist die beste und billigste vorbeugende Maßnahme gegen den sozialen Aus- und Abstieg und gegen Intoleranz.